LIEBERLIEBHABEN

Die größten Irrtümer über das Familienbett. Oder: Warum wir so gerne im Rudel schlafen

Wir sind ganz klar Team Familienbett! Als der Große gerade zwei Jahre alt (und die Püppi lediglich gedanklich geplant) war, haben wir uns entschieden: Das 1,80er Ehebett sollte weg. Denn wir wünschten uns mehr Platz.

Der Große schlief ohnehin von Geburt an bei uns im Schlafzimmer – anfangs noch im Beistellbettchen, später in einem Babybett direkt neben uns. Doch irgendwann war sein Bettchen mehr Deko als Nutzen. Ich hatte es satt, ihn immer wieder auf seine Matratze zurück zu legen nach dem Stillen, als er noch klein war – wo er in meinem Arm doch so friedlich schlief. Somit war unser Ehebett nach etwa einem Jahr Elternschaft ohnehin schon offiziell zum Familienbett geworden und das blieb auch nach dem Abstillen so. Deshalb musste nun ein größeres Bett her.

Wir haben uns aus zwei günstigen Bettgestellen vom Möbelschweden also eine 2,80m breite Liegewiese zusammengeschraubt und es bis heute nicht bereut. Denn wir schlafen darin auch zu Viert ganz prima.

Für uns ist es die beste Lösung. Das Familienbett hat dazu geführt, dass sich unsere Nächte – und somit auch wir selbst – ungemein entspannt haben. Doch genau das scheinen sich viele Zweifler schier nicht vorstellen zu können.

Irrtum N° 1

Die Nächte im Familienbett sind nicht erholsam

Im Gegenteil! Natürlich werde ich des Öfteren wach, kassiere nächtliche Kopfnüsse und bekomme Kinderfüße ins Gesicht. Aber es sind sehr kurze Unterbrechungen. So kurz, dass ich am nächsten Morgen das Gefühl habe, durchgeschlafen zu haben – und das hätte ich sicher nicht, wenn ich mich in der Nacht komplett aus dem Bett erhoben hätte und ins Kinderzimmer gestiefelt wäre. 

In der Regel wecken uns Familienbettkinder nicht in unserer Tiefschlafphase. Kinder, die in ihrem eigenen Zimmer schlafen, dagegen schon. Deutschlands bekanntester Kinderarzt  Dr. Herbert Renz-Polster hat ein ganz tolles Buch geschrieben, das ich Euch wirklich nur ans Herz legen kann: „Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt“*. Er zieht darin ein Experiment der Schlafforscherin Sarah Mosko zu Rate: Danach sind „bei den gemeinsam schlafenden Mutter-Kind-Paaren die Schlaf – und Traumphasen zwischen Mutter und Kind zu einem großen Teil aufeinander abgestimmt“, weshalb die „mit ihrem Baby schlafenden Mütter sehr viel seltener in der Phase des Tiefschlafs aufgeweckt“ werden. (ebd., S.128)

Außerdem liebe ich die nächtliche Nähe zu meinen Kindern. Ich genieße das Kuscheln, genieße das Anschmiegen und bin beruhigt, weil ich auch nachts auf sie Acht geben und für sie da sein kann. Nächtliche Messungen bei Mutter und Kind haben klar gezeigt, dass das möglich ist. So wurden immer wieder „schützende oder ‘ordnende’ Eingriffe der Mutter beobachtet. So lagert die Mutter ihr Baby beispielsweise nicht selten um (…). Dabei legt sie das Kind interessanterweise fast immer auf den Rücken, also in die inzwischen als sicherste Schlafposition erkannte Position.“ (ebd., S.127). Mit seinen Kindern in direkter Nähe ist es Müttern also möglich, sie auch nachts zu beschützen und Gefahren zu erkennen: Ich merke zum Beispiel, wenn es ihnen nicht gut geht, sie plötzlich fiebern oder schlecht träumen.

Letzteres kommt bei der Püppi gerade häufiger vor. Sie wird wach, weil sie träumt, Jemand hätte ihr ihre Süßigkeiten weggenommen. Sie setzt sich dann auf, weint und schimpft, sie wolle ihre Gummibärchen zurück. Manchmal klettert sie sogar aus dem Bett, um sie sich wiederzuholen. Dadurch, dass ich direkt  neben ihr liege, kann ich sie aber schnell besänftigen, ihr erklären, dass sie das nur geträumt hat. In meinem Arm schläft sie dann blitzschnell wieder ein – und ich auch. Ich bin sicher: Wäre das in ihrem eigenen Zimmer passiert, wäre sie hellwach, ehe ich überhaupt da wäre.

Auch als die Kinder noch klein waren und sich nachts häufig gemeldet haben, habe ich sie durch die körperliche Nähe ganz leicht wieder in den Schlaf begleiten können und somit selbst auch schnell wieder in den Schlaf gefunden.

Ich bin damals dazu übergegangen, im Liegen zu Stillen und dabei einfach weiterzuschlummern. Zumindest bei der Püppi. Darüber bin ich bis heute sehr froh, denn sie hat – wie schon der Große – lange und ausdauernd getrunken und das verlässlich alle zwei bis drei Stunden.

Bei ihm war ich dafür anfangs noch zu unsicher, habe meinem Mutterinstinkt nicht genügend vertraut. Ich hatte Sorge, ihn zu versehentlich zu sehr zu bedecken und womöglich zu ersticken. Beim zweiten Kind habe ich intuitiver gehandelt und frage mich heute stattdessen: Wie konnte ich bloß auf die Idee kommen, eine Gefahr für mein Kind sein zu können? Denn ich schlief zwar – war gleichzeitig aber so wachsam, wie nie zuvor in meinem Leben. Mutter zu sein veränderte mein Schlafverhalten einfach grundlegend. Und trotzdem gibt es in unserer Gesellschaft große Bedenken, vor allem hinsichtlich des plötzlichen Kindstodes. Womit wir hier angelangt wären…

Irrtum N°2

Einen Säugling mit ins Elternbett zu nehmen ist gefährlich.

Nicht, wenn man sich an grundlegende Regeln hält und bestimmte Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod (sudden infant death syndrome = SIDS)  ausschließt. Leider gibt es viele Studien, die das Gegenteil belegen. Viele von ihnen gelten heute aber als veraltet und schlichtweg fehlerhaft. Eine neu erschienene Studie zur Sicherheit des Elternbetts des britischen SIDS-Forschers Peter Blair belegt: Im Familienbett zu schlafen, ist für Kinder nicht weniger sicher, als im eigenen Bett im Zimmer der Eltern zu schlafen. Vorausgesetzt, die Eltern rauchen oder trinken nicht, nehmen keine Drogen oder Schlafmittel und benutzen ein babygerechtes Bett – kein Wasserbett oder Sofa. Außerdem sollten Babys wirklich nur mit den Eltern in einem Bett schlafen, nicht mit einem Babysitter oder dergleichen. Das ist wichtig, zu erwähnen, denn in vielen kritischen Studien wird der Schlaf bei solchen Personen auch als Schlaf im „Elternbett“ gewertet – was das Ergebnis zwangsläufig verfälscht. (Siehe: https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/neues-zum-plotzlichen-kindstod-sids/).

Generell sinkt die Zahl der SIDS-Fälle seit Jahren und fast alle Fälle heutzutage sind mit einem bestimmten dieser vermeidbaren Risiken verbunden. Dazu zählt übrigens auch eine fehlende Stillbeziehung. Denn schon länger ist bekannt, dass Stillkinder nur einem halb so hohen Risiko für den plötzlichen Kindstod ausgesetzt sind, wie Flaschenkinder.

In der Schweiz oder in Großbritannien ist das Schlafen im elterlichen Bett bereits ein größeres Thema, als hier bei uns in Deutschland: Dort beinhalten die Schlafempfehlungen von Unicef UK oder der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie auch Ratschläge zum sicheren Elternbett. In Deutschland bekommen Eltern in dieser Hinsicht kaum Unterstützung von ärztlicher Seite.

Dabei lag die Gefahr früher eher darin, ohne elterliche Nähe zu Schlafen. Dass Kinder nachts den Kontakt zu uns suchen, ist evolutionär bedingt: Der gemeinsame Schlaf war überlebenswichtig. Sie suchen Schutz bei uns, verlangen nach Körperkontakt, um sich unserer Anwesenheit sicher sein zu können, um sich vor Gefahr zu schützen. Sie wissen nicht, dass das heutzutage nicht mehr nötig ist. Natürlich sind wir keinen Fressfeinden mehr ausgesetzt. Wir leben in einer Umgebung, die durch Wände, Türen und Schlösser gesichert ist. Doch unsere Kinder sind sozusagen darauf programmiert. „Die einzigen Sicherheitssignale, die sie verstehen können, sind die „Nähesignale“ vertrauter Erwachsener. So sicher sie also unter heutigen Bedingungen sein mögen, so wenig Trost haben sie davon“ (ebd. S.104).

Vor diesem Hintergrund finde ich es nur verständlich, dass Kinder nachts bei uns schlafen wollen und ich finde es richtig, es ihnen zu erlauben. Wenn Ihr zwischendurch ins Zweifeln kommen solltet, ob Euer Kind nicht doch besser eigenständig werden und in seinem eigenen Zimmer schlafen sollte: Stellt Euch nur vor, die Höhlenmenschen hätten ihren Nachwuchs in eine benachbarte Höhle ausgelagert, in der er dann alleine geschlafen hätte – schutzlos gefährlichen Tieren und Feinden ausgeliefert!

Irrtum N°3

Immer bei den Eltern zu schlafen verwöhnt Kinder.

Darauf möchte ich am liebsten einfach nur antworten: „Na und?“

Die Sorge sein Kind zu sehr zu verwöhnen, begegnet mir bei Freunden und Bekannten immer wieder: Verwöhnen durch zu langes Tragen, Verwöhnen durch zu viel Kuscheln, Verwöhnen durch zu häufiges Stillen – doch es gibt kein zu viel von diesen Dingen! Hier geht es nicht um Süßigkeiten oder Fernsehserien. Es geht um Nähe, Zuneigung und Liebe. Davon können wir unseren Kindern gar nicht genug geben.

Warum der Schlaf im elterlichen Bett also eine Verwöhnung sein soll, erschließt sich mir nicht. Dass mein Ehemann jede Nacht neben mir schlafen darf, verwöhnt ihn ja auch nicht. Oder würdet Ihr auf die Idee kommen, Euren Partner für einzelne Nächte ins Wohnzimmer auszuquartieren, damit er sich nicht zu sehr an Euch gewöhnt?

Irrtum N°4

Kinder müssen lernen alleine zu schlafen, sonst werden sie nie selbstständig.

Die Befürchtung, dass Familienbettkinder niemals alleine schlafen werden, halte ich für unbegründet: Ich gehe davon aus, dass sie irgendwann von sich aus mehr Privatsphäre einfordern werden – tagsüber, genauso wie nachts. Und spätestens, wenn sie ihren ersten Partner finden, glaube ich nicht, dass sie es in Betracht ziehen werden, diesen mit ins Familienbett zu bringen.

Außerdem bedeutet selbstständiges Schlafen nicht gleich Selbstständigkeit: Wer nachts alleine schläft, muss nicht automatisch ein selbstständiger Mensch sein. Im Gegenteil: „So zeigt eine aktuelle Studie an der Universität von Kalifornien, dass das Schlafen bei der Mutter weder die Fähigkeit, während des Tages allein zu sein, noch die Offenheit gegenüber neuen Situationen vermindert. In dieser Studie schnitten die bei der Mutter schlafenden Kinder in beiden Bereichen sogar besser ab als die getrennt schlafenden Kinder.“ (ebd. S.131).

Irrtum N°5

Im Familienbett kann man nicht mehr Paar sein.

Darüber muss ich immer schmunzeln. Denn ja, unser Bett ist mit Kindern belegt. Aber Vertrautheiten und Zärtlichkeiten lassen sich nicht nur dort austauschen. Dass wir nach dem Großen noch die Püppi bekommen haben, sollte Beweis genug sein…

Fazit

Natürlich muss das gemeinsame Schlafen für alle Beteiligten passen. Wenn sich ein Elternteil nicht wohl damit fühlt oder gar das Kind nicht, dann ist das okay. Jede Familie tickt anders. Und jede Familie ist gut, so wie sie ist.

Wir sind und bleiben vorerst „Team Familienbett“ und begleiten unsere Kinder darin weiterhin jeden Abend in den Schlaf. Das bedeutet: Unser gemeinsamer Erwachsenen-Abend beginnt erst dann, wenn beide Kinder eingeschlafen sind. Oft ist das erst um 21 Uhr oder noch später. Manchmal schläft der Einschlafbegleiter auch mit ein und das war es dann ganz mit unserem Abend. Aber wir stehen Beide voll dahinter und genießen diese Zeit. Denn sie wird irgendwann vorbei sein – und uns dann sicherlich schmerzlich fehlen…

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