LIEBERLIEBHABEN

„Mein Körper, meine Entscheidung“: Warum Kinder nicht küssen müssen

Deutschlandweit fiebern Eltern und Kinder auf das Ende der Kontaktbeschränkungen hin. Endlich wieder Freunde treffen und  Familienangehörige sehen – vorerst natürlich mit angemessenem Abstand. Doch sollten wir über genau diesen nicht viel öfter nachdenken? Nicht wegen der Infektionsgefahr, sondern zum Schutz unserer Kinder!

„Komm, gib der Oma einen Kuss!“. Etwas, das nicht nur Großeltern gerne einfordern, sondern auch andere Verwandte und Vertraute. Kinder gehen einer solchen Bitte häufig nach, weil es sozial erwünscht ist. Sie haben das Gefühl, es tun zu müssen, weil es aktiv von ihnen verlangt wird und sie anderenfalls einem geliebten Menschen vor den Kopf stoßen würden. Das wird ihnen häufig genau so vermittelt – von den Eltern, denen sie in dieser Hinsicht voll und ganz vertrauen.

Doch es ist ein falsches Signal: Kinder lernen so, ihren Körper für etwas zur Verfügung zu stellen, das womöglich gar nicht in ihrem Interesse ist. Sie verteilen Küsse, um einem Menschen zu gefallen, der ihnen am Herzen liegt. Und wenn sie das dauerhaft verinnerlichen, macht es sie potentiell anfällig für (sexuelle) Gewalt.

Kinder stärken: „Mein Körper gehört mir!“

Kinder müssen lernen, dass sie keine Küsschen auf Kommando verteilen müssen. Sie müssen niemanden umarmen oder sich auf jemandes Schoß setzen, wenn sie es selbst nicht wollen. Denn es ist ihr Körper und damit ihre Entscheidung.

Wenn Kinder das früh lernen, führt das unter Umständen dazu, dass sich Angehörige vor den Kopf gestoßen fühlen. Denn natürlich meint es die Oma nur gut: Sie liebt das Kind, möchte ihm ihre Zuneigung zeigen und im besten Falle kindliche Zuneigung zurück bekommen, gerne auch körperlich durch Umarmungen oder Küsse. Wenn Eltern sich dann auch noch vor ihre Kinder stellen und kommunizieren: „Du musst das nicht machen!“, kann das auf die Angehörigen sehr verletzend wirken. Allerdings nur, solange ihnen nicht klar ist, warum Eltern so reagieren: Sie wollen das Kind in seiner Gefühlswahrnehmung stärken, damit Kinder in einer potentiellen Missbrauchssituation erkennen können, dass gerade Jemand versucht, ihre Grenze zu überschreiten. Dafür müssen sie zuvor aber die Erfahrung gemacht haben, dass ihr Wunsch nach Abgrenzung respektiert und anerkannt wird – und das muss im engen, sozialen Umfeld ebenso gelten, wie bei Fremden.

Persönliche Befindlichkeiten zurückstellen

Würde ein völlig Unbekannter auf der Straße Küsse oder Umarmungen von einem Kind einfordern, würden Eltern sofort reagieren: Sie wären empört, würden sich vor ihr Kind stellen und sofort einschreiten. Doch nur, weil die Person, die dem Kind gerade körperliche Zuwendung abverlangt, eine vertraute Person ist, muss es dem Kind nicht weniger unangenehm sein. Es bleibt SEIN Körper – und damit SEINE Entscheidung.

Doch wir sind darauf gepolt, anderen Menschen gefallen zu wollen. Wir möchten nichts falsch machen, ihnen nicht vor den Kopf stoßen. Deshalb tendieren wir unbewusst dazu, Situationen zu bagatellisieren. Wir glauben vielleicht, eine solche Grenzüberschreitung damit rechtfertigen zu können, dass wir unser Gegenüber gut kennen, dass die Absichten der Oma, des Onkels oder des Freundes rein sind und es deshalb schon in Ordnung gehen wird. Doch genau das ist der Trugschluss. Angehörige, die wirklich keine schlechten Hintergedanken haben, sind in der Regel gewillt, diesen Weg mitzugehen, wenn man sie mit ins Boot holt: Den Weg, das Kind zu stärken, es für seinen Körper und sein eigenes Empfinden zu sensibilisieren: „Welche Berührungen mag ich und welche nicht? Von wem mag ich diese Berührungen? Und bei wem sind sie mir unangenehm?“.

Schon Babys fühlen, wessen Nähe ihnen behagt und welche Berührungen sich gut für sie anfühlen und wir müssen Sorge dafür tragen, dass ihnen diese Fähigkeit nicht abhanden kommt. Wir müssen aufmerksam sein: Für jedes Lächeln und Zeichen des Genießens, für jedes Quengeln und jedes Wegdrehen und dann feinfühlig darauf reagieren.

„Halt! Stopp! Ich mag das nicht!“: Grenzen sind zum Wahren da

Sich vor sein Kind zu stellen und es in seiner Gefühlswahrnehmung zu unterstützen, muss geliebte Menschen also nicht vor den Kopf stoßen. Denn wenn Eltern ihnen den Gedanken der Prävention dahinter erklären, sollten sie die Stärkung des Kindes sogar gerne mittragen (und dann gelingt sie auch besser!). 

Manchmal wollen Freunde oder Familienangehörige kindliche Grenzen aber auch dann nicht akzeptieren. Das kann daher rühren, dass die persönliche Verletzung durch die Zurückweisung für sie zu groß war. Vielleicht müssen sie erst reflektieren, dass das, was sich für sie als Erwachsene gut anfühlt, für das Kind womöglich nicht genauso schön ist. Vielleicht brauchen sie auch einfach nur Zeit – um alte Verhaltensmuster abzulegen und neue Wege gezeigter Zuneigung zu finden. Doch Eltern sollten auf jeden Fall wachsam bleiben: Denn es ist ein Irrglaube, dass (sexuelle) Gewalt nur durch den großen Unbekannten ausgeübt wird, der Kinder entführt und gegen ihren Willen missbraucht. Die (überwiegend männlichen) Täter kommen in der Regel aus dem sozialen Umfeld und bewegen sich nur ganz schleichend von angemessenen und liebevollen Berührungen in einen Bereich vor, der Grenzen überschreitet und dem Kind unangenehme Gefühle bereitet (siehe auch: „Mutig fragen, besonnen handeln“).

 

Deshalb ist es so wichtig, die Empfindungen unserer Kinder von Beginn an ernst zu nehmen, uns hinter sie zu stellen, wenn ihnen das Küsschen oder die Umarmung der Oma oder des Onkels unangenehm sind. Denn das Aufbäumen in diesen Situationen ist wie Training für den Ernstfall. Nur so lernen Kinder, ihrem Gefühl („Das ist nicht richtig!“) zu trauen und für sich einzustehen. Sie müssen wissen, dass sie die Möglichkeit und das Recht haben, laut „Nein!“ zu sagen, womit sie es einem potentiellen Täter schwer machen. Das ist kein unüberwindbarer Schutz, keine Sicherheit, auf der man sich ausruhen könnte, doch es ist ein großer, präventiver Schritt, denn „Erfahrungen aus der Beratungsarbeit mit kindlichen Opfern sexueller Gewalt belegen: Täter missbrauchen vor allem angepasste – sprich: „brave“ und unaufgeklärte Mädchen und Jungen – und seltener widerstandsfähige Kinder, die von klein auf gelernt haben, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, die eigenen Interessen auch gegenüber Grenzüberschreitungen durch Erwachsene zu vertreten.“ (siehe: „Der 7.Sinn ist Eigensinn“, Zartbitter e.V.)

Stärkung + Aufklärung: Eine gute Kombination

Ebenso wichtig ist es, kindgerecht über Missbrauch zu sprechen: Kinder müssen wissen, dass es Erwachsene gibt, die Kinder gerne dort anfassen möchten, wo sie Kinder nicht anfassen dürfen. Die eventuell verlangen, dass Kinder die Erwachsenen dort anfassen. Wir müssen ihnen vermitteln, dass das nicht in Ordnung ist und sie deshalb laut und deutlich „Nein!“ sagen sollen – selbst dann, wenn sie zuvor vielleicht ihr Einverständnis gegeben haben.

Täter arbeiten oft mit Einschüchterungen: Sie verpflichten Kinder zur Geheimhaltung – drohen eventuell, ihnen oder ihren Eltern etwas anzutun, sollten sie reden. Nahestehende Personen können einen ganz perfiden Trumpf ziehen – und Kindern mit Liebesentzug drohen („Wenn du verrätst, was ich gerade gemacht habe, dann spiele ich nicht mehr mit dir!“). Wir müssen unseren Kindern also begreiflich machen, dass diese Menschen nur mit ihrer Angst spielen, dass sie uns immer Alles erzählen können – egal, welche Konsequenzen ihr Gegenüber ihnen dafür angedroht hat.

In der polizeilichen Kriminalprävention wird oft anschaulich von „guten“ und „schlechten“ Geheimnissen gesprochen: Schlechte Geheimnisse werden einem aufgezwungen und sind deshalb gar keine Geheimnisse. Diese dürfen und sollen Kinder unbedingt verraten. Nur gute Geheimnisse dürfen geheim bleiben. Geheimnisse, die sich wohlig im Bauch anfühlen und ein schönes Kribbeln verursachen, wie das selbstgemalte Bild, das Mama erst am Muttertag sehen soll.

Genauso unabdingbar zur Prävention von sexuellem Missbrauch ist es, die Dinge beim Namen zu nennen! Wir dürfen keine Kosenamen oder Umschreibungen für Geschlechtsteile und sexuelle Vorgänge verwenden. Denn nur, wenn wir im Alltag mit unseren Kindern schamfrei über Sexualität und sexuelle Gewalt sprechen können, können sie es im Falle einer Grenzüberschreitung auch mit uns.

Welche Bücher wir mit unseren Kindern zur Prävention von sexuellem Missbrauch gelesen haben:

Die Bücher sollten für Kinder nicht frei verfügbar sein, sondern immer mit einem Erwachsenen gemeinsam angeschaut werden. Das gilt insbesondere für dieses Buch hier, da darin sexuelle Übergriffe thematisiert werden. Ich würde die Lektüre nur empfehlen, wenn es bereits einen Grund gibt, etwas mit Eurem Kind aufzuarbeiten: 

Das Buch gibt Kindern Verhaltenstipps in Missbrauchsfällen und bei Grenzüberschreitungen. Es hat mich in meiner Qualifizierung zur Tagesmutter sehr berührt. Empfohlenes Lesealter: 6 bis 10 Jahre.

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