LIEBERLIEBHABEN

Kleiner Mensch, große Wut: Gefühlsausbrüche bei Kindern (begleiten)

Wenn der Osterhase wüsste, was er da angerichtet hat…. Aber der Reihe nach: Der Große und die Püppi sind momentan große Paw Patrol-Fans. Somit lagen im diesjährigen Osternest quietschend-grelle, für meinen Geschmack furchtbar hässliche, aber in den Augen meiner Kinder total coole Paw Patrol-Socken, die natürlich sofort angezogen werden mussten. An Ostersonntag. An Ostermontag. Und auch noch am darauffolgenden Dienstag und Mittwoch.

Dann nahm das Drama seinen Lauf. Ich habe der Püppi am nächsten Morgen sachlich und ruhig erklärt, dass die Socken nun in der Waschmaschine sind und sie sie erst morgen wieder tragen kann. Doch in ihrer Welt war das eine Katastrophe! Sie weinte, schrie und stieß mich weg. Kurzum: Sie war wütend. Und das mit ihrem ganzen, kleinen Körper.

Willensstärke – Fluch und Segen zugleich

Sie stiefelte sogar ganz alleine zur Wohnungstür heraus und wollte die Treppe hinunter in den Keller gehen, um ihre geliebten Socken wieder aus der Waschmaschine zu holen. Ich habe sie zurückhalten können, aber nur unter großem Protest. Ihre Reaktion: Sie wurde körperlich und hat mich mit ihren kleinen Händchen attackiert.

Uns Erwachsenen mag diese Reaktion übertrieben erscheinen. Doch wir müssen uns bewusst machen, was es für ein Kleinkind dieses Alters bedeutet: Stress. Dicht gefolgt von Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Die Püppi ist zwei Jahre alt und steckt gerade mitten in dem, was man gemeinhin Trotzphase nennt. Ich mag diese Bezeichnung nicht, weil sie so negativ besetzt ist. Sie impliziert, dass ein Kind absichtlich „böse“ und laut wird, um Ärger und Unfrieden zu stiften. Doch Kleinkinder reagieren nicht aus einer bösen Absicht heraus wütend. Sie kennen schlicht noch keinen anderen Weg. Die Püppi entwickelt gerade ein „Ich-Bewusstsein“. Sie entdeckt die Welt um sich herum, löst sich von mir und beginnt, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Sie fängt an, Abneigungen zu entwickeln, eigene Wünsche zu formulieren und persönliche Vorlieben zu entdecken. Ein wichtiger Schritt zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Kinder ziehen daraus ihr Selbstbewusstsein, bekommen ein Gefühl für sich und ihren Körper und lernen, selbstbestimmt damit umzugehen. Langfristig übrigens eine wichtige Grundvoraussetzung zur Prävention von (sexuellem) Missbrauch.

Sie werden autonom. Deshalb wird in der Entwicklungspsychologie auch der wesentlich schönere Begriff der „Autonomiephase“ verwendet. Kleinkinder entwickeln in dieser Zeit einen eigenen Willen – den die Erwachsenen häufig brechen (müssen). So wie ich in unserem Socken-Dilemma.

Wenn das System überlastet ist: Gehirn im Ausnahmezustand

Die Püppi war komplett verzweifelt. Sie hatte einen dringenden Wunsch, der unerfüllt bleiben würde, was ganz unweigerlich einen Prozess in ihrem Gehirn in Gang gesetzt hat. 

Um diesen genauer nachvollziehen zu können, müssen wir uns zunächst ansehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. In der Neurologie wird es – grob zusammengefasst (!) – in drei Bereiche eingeteilt:

  1. Das Stammhirn. Es kontrolliert unsere Körperfunktionen, wie das Atmen und den Herzschlag. Außerdem schlägt es im Falle einer Bedrohung Alarm und aktiviert den sogenannten „Kampf-Flucht-Modus“.
  2. Das limbische System. Unser „Gefühlshirn“. Es fungiert als emotionales und soziales Zentrum, in dem Gefühle wie Angst oder Wut verarbeitet werden.
  3. Der präfontale Kortex. Unser „Denkhirn“. Mit ihm steuern wir unsere Gefühle. – Bei Kindern bildet er sich in der Entwicklung aber zuletzt aus.

Vereinfacht erklärt schaltet sich der präfontale Kortex bei einem kindlichen Wutanfall vorübergehend ab. Unser Gefühlshirn übernimmt, sendet aus, dass es wütend ist und gibt dem Stammhirn damit das Signal, aktiv zu werden. Die Konsequenz: Das Herz schlägt schneller und das Kind bereitet sich auf einen Angriff (oder eine Flucht) vor.

Weil die Socken, die der Püppi so furchtbar wichtig waren, nicht zur Verfügung standen, hat ihr Gehirn also „Gefahr“ gemeldet und sie darauf mit einem ganz natürlichen, ursprünglichen Verhalten reagieren lassen. Wie könnte man hier also noch von Trotz sprechen? 

Emotionen regulieren (lernen)

Die Püppi ist in ihren Gefühlsausbrüchen heftiger als der Große früher. Von ihm war ich es anders gewohnt: Er ließ sich leichter beruhigen, nahm Umarmungen an und war dankbar, wenn ich ihm wertschätzend begegnete und ihn aus der Situation holte. Die Püppi wird nur noch wütender, wenn ich sie berühre. Sie artikuliert laut und deutlich, dass ich weggehen und sie nicht anfassen soll. Mir fällt das schwer, da ich meinem inneren Impuls, sie trösten und halten zu wollen, gerne nachgeben – ihre persönlichen Grenzen aber respektieren möchte. Ich setzte mich also mit einigem Abstand neben sie und zeigte ihr, dass ich ihre Gefühle nachempfinden kann. Ihre Wut, die Verzweiflung. Sogar, dass sie nach mir geschlagen hatte. Denn Verständnis war das, was sie jetzt am meisten brauchte.

In diesem Alter können Kinder ihre Emotionen noch nicht eigenständig regulieren. Um das zu erlernen, müssen sie aber zunächst die Emotion erkennen, die sie regulieren sollen. Hätte ich ihr also verärgert gesagt, dass eine fehlende Socke ja wohl kein Grund für solch einen Wutausbruch wäre, dann hätte ich meinem Kind vermittelt, dass sein eigenes Gefühl falsch ist. (siehe auch: Kinder trösten: Vom Pusten und Küssen).

Außerdem lernen Kinder bekanntlich viel durch Nachahmung: Wie sollte die Püppi einen ruhigen Umgang mit einer Krise erlernen, wenn ich wegen ihres Wutanfalls geschimpft hätte und ebenfalls laut geworden wäre?

Ich versicherte ihr stattdessen also, dass ich sie lieb habe, egal was passiert. Dass sie mir gegenüber aber auf keinen Fall noch einmal körperlich werden darf. Auch wenn ich weiß, dass sich ihre Wut nicht gegen mich richtete: Sie war einfach mit der Situation verknüpft.

Nach einer Weile gab mir die Püppi dann das Okay, sie in den Arm nehmen zu dürfen. Was für eine Erleichterung! Für mich, aber auch für sie. Denn sie war nur noch ein kleines Häufchen Elend. Traurig, hilflos, beschämt. Sie hatte Zuneigung und aufmunternde Worte jetzt bitter nötig.

Wege aus der Wut

Wenn sich der Sturm ein bisschen gelegt hat, besprechen wir den „Wutanfall“ meist: Benennen aktiv, was meine Kinder dabei gefühlt haben – aber auch, wie ich es mir in dem Moment ging. Nachdem wir dieses Buch* hier gelesen hatten, haben wir außerdem angefangen, die Gefühlsausbrüche der Püppi zu personalisieren: Die Idee, dass gerade ein Wutmonster in ihrem Bauch war, über das sie nur bedingte Kontrolle hatte, gefällt ihr. Es nimmt ihr ein Stück weit die Scham über ihr eigenes Verhalten, die sie klar erkennbar verspürt, wenn die Wut wieder verpufft ist. Sie schimpft dann über das blöde Wutmonster: „Es soll weg gehen!“ 

Kinder in der Autonomiephase stoßen oft an Grenzen. Teilweise sind es natürliche Grenzen, teilweise aber auch soziale oder von uns gesetzte Grenzen (siehe auch: „Grenzen lernen!“ Wie Eltern ihre Kinder beim Aushalten von Grenzen begleiten können). Allerdings müssen unsere Kinder erst noch Strategien erlernen, um mit dem damit verknüpften Frust und den negativen Gefühlen umzugehen. Um ihr einen Weg anzubieten, die Wut umzuleiten, sie zu kanalisieren, biete ich der Püppi manchmal ein dickes Kissen an, in das sie schlagen kann. Oder wir klettern in unser großes Familienbett und schreien die Wut ganz laut in unsere „Wut-Ritze“. Ein „Wut-Eimer“ geht auch. Wichtig ist nur, die Wut zu akzeptieren. Denn sie gehört zu uns. Sie ist richtig und wichtig. Und kein kindlicher Wutanfalll der Welt wird unter normalen Umständen dazu führen, dass aus einem Kleinkind später ein aggressiver Tyrann wird. Im Gegenteil: „Mit acht bis zehn Jahren wird es wissen, wie es über seine Begrenzungen traurig sein und wie es seine Wut in zielorientierte Ambition verwandeln kann.“ (Jesper Juul: „Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist“*)

Bücher helfen uns nach großen Gefühlsausbrüchen ohnehin oft. Welche wir noch gerne lesen:

Ich wünsche Euch also gute Nerven!

 
Eure Jasmin
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Bild von Sarah Richter auf Pixabay

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